Wie können wir Fachkräfte für die Arbeit der Zukunft qualifizieren? Wie können wir Ausbildungskonzepte so anpassen, dass sie in die Zeit passen? Und wie können wir all das möglichst strategisch anpacken, in einer Zeit, in der die Transformation den Alltag und die Anforderungen an Beschäftigte in den Betrieben ordentlich umkrempelt.
Um neue Impulse für Antworten auf diese Fragen zu finden, haben sich Ende Februar Betriebsrätinnen und Betriebsräte aus verschiedenen IGBCE-Branchen mit Forschenden in der ersten IGBCE-Denkwerkstatt unter dem Titel „Betriebsräte als Treiber der Fachkräfteentwicklung“ getroffen. Die rund 20 Teilnehmer und Teilnehmerinnen konnten dabei einige Ideen sammeln.
Denn bei der Entwicklung von Fachkräften kommt Betriebsratsgremien eine zentrale Rolle zu: Die Arbeit der Zukunft gestalten, das heißt heute, Transformation mit den Menschen im Betrieb zu gestalten. Denn wenn Staat, Markt und Unternehmensführung nicht liefern, sind häufig Betriebsräte und Betriebsrätinnen gefragt, ihre Unternehmen voranzutreiben – und damit zukunftsfähig zu werden.
In nicht wenigen Unternehmen verändere sich gerade viel, erklärte Alexander Bercht, im Vorstand der IGBCE unter anderem für das Thema Fachkräfte zuständig. Oft werde aber zu spät gehandelt und manchmal die Veränderungsnotwendigkeit gar nicht erkannt. „Dann müssen eben Betriebsrätinnen und Betriebsräte sagen: Wir sind die, die das auf den Tisch legen, die einen Impuls geben“, so Bercht. Es gehe um Fragen wie: Was können wir tun an notwendiger Veränderung am Geschäftsmodell? Was können wir tun, damit unsere Kolleginnen und Kollegen qualifiziert werden, um sich rechtzeitig auf diese Veränderungen vorzubereiten? Und wie können wir als IGBCE unsere Kolleginnen und Kollegen noch besser dabei unterstützen? Um das herauszufinden, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft zu finden, hat die IGBCE bei der Denkwerkstatt Theorie und Praxis zusammengebracht.
Christina Schildmann, Leiterin der Abteilung Forschungsförderung bei der Hans-Böckler-Stiftung erläuterte, dass der Arbeitsmarkt komplex sei. „Wir erleben in Unternehmen, dass auf der einen Seite Beschäftigte entlassen werden und auf der anderen Seite in bestimmten Bereichen Fachkräfteengpässe entstehen.“ Damit Unternehmen überleben könnten und weiter handlungsfähig blieben, brauche es Strategien, um genau dieses Mismatch zu überwinden, betonte Schildmann.
Vor Veränderungen durch die Transformation steht auch der Papierhersteller Leipa. Die Industrie entwickle sich weiter, die Digitalisierung schreite voran, erklärte Arbeitnehmervertreter Marco Sandow bei der Denkwerkstatt: „Die größte Herausforderung im Augenblick ist es, Fachkräfte zu finden, die auch dementsprechend qualifiziert sind, diese hochkomplexen Anlagen zu bedienen.“
Alte Programme funktionieren nicht mehr, neuere Kolleginnen und Kollegen haben andere Anforderungen als noch vor zehn Jahren – damit beschäftigte sich Sandy Richter vom Biopharmazie-Unternehmen IDT Biologika. „Großes Thema bei uns ist die Entwicklung von Expertinnen und Experten. Bei uns bedeutete Karriere immer automatisch auch Führung, das würden wir gerne ändern.“
Jonas A. von Holt vom Chemieunternehmen Olin hat vor allem die Jugend im Blick: „Was wir gerade besonders merken, ist, dass unsere Ausbildung nicht mehr in die heutige Zeit passt. Die Jugend hat sich gewandelt.“ Die Arbeitgeber würden versuchen, das darauf zu schieben, dass die Jugend nicht ausbildungs- oder arbeitswillig ist. Von Holt sagte dazu: „Die Lösung muss ja sein, dass die Arbeitgeber oder die Betriebe sich mit ihren Ausbildungskonzepten an die Jugend anpassen.“
Andrea Sacher vom Chemiekonzern Bayer unterstrich „Ich finde es superwichtig, sich jetzt schon Gedanken zu machen, wie unsere Beschäftigten für die Zukunft gut qualifiziert sein können.“ Gerade im wissenschaftlichen Bereich suche Bayer neue Kräfte mit neuen Ideen. Gleichzeitig bemühe sich das Unternehmen darum, die vielen, alteingesessenen Handwerker mit jahrelanger Berufserfahrung und Expertenwissen zu halten.
In den Workshops diskutierten die Teilnehmenden unter anderem darüber, wie sie als Betriebsrätinnen und Betriebsräte dazu beitragen können, die Fachkräfte- und Kompetenzentwicklung in ihren Unternehmen in den nächsten Jahren zu entwickeln. Sie waren sich dabei einig, dass Betriebsrät*innen als „Trüffelschwein“ agieren müssten, weil sie die Beschäftigten am besten kennen. Und sie müssten für einen strategischen Ablauf sorgen, also etwa mit einer Demografieanalyse oder einem Potenzialplan.
Dass auch größere Transformationsprozesse in Unternehmen funktionieren können, dafür gibt es gute Beispiele. Einige von ihnen fördert die Hans-Böckler-Stiftung mit der „Förderlinie Transformation“, die konkrete Lösungen für konkrete Anliegen in der Praxis finden soll, indem Erfahrungswissen aus Betrieben und Regionen mit Kompetenzen von Forschenden zusammengebracht werden. So geschehen beispielsweise beim Steag-Konzern, bei dem ein Projekt zur Entwicklung von Qualifizierungsangeboten für weibliche Führungskräfte und (hoch)-qualifizierte Frauen in Teilzeit gefördert wurde. Bei einem mittelständischen Autozulieferer, der zu 100 Prozent vom Verbrenner abhängig war, haben Betriebsrat, Geschäftsführung und Forschende mit einer „sozialpartnerschaftlichen Lernreise“ ein Zukunftskonzept entwickelt, um dem Schrumpfungsszenario und Ausbildungsstopp etwas entgegenzusetzen und nach alternativen Perspektiven, etwa für die Elektromobilität, gesucht.
Insgesamt organisiert die IGBCE drei Denkwerkstätten, die nächste findet am 3. April zum Thema Künstliche Intelligenz statt.