Jonas sitzt seit acht Jahren im Betriebsrat und kennt den Ablauf auswendig: Thema identifizieren, intern abstimmen, verhandeln, unterzeichnen, aushängen. Das funktioniert. Meistens jedenfalls.
Was danach kommt, ist immer dasselbe. Die Leute lesen den Aushang, zucken die Schultern, und irgendwer fragt: „Warum haben die das eigentlich so geregelt?“ Dann erklärt Jonas. Wieder. Und geht mit dem leisen Gefühl nach Hause, dass da irgendwas nicht stimmt – ohne genau sagen zu können, was.
Das neue Thema ist mobile Arbeit. Überschaubar, kein Riesenprojekt. Aber Jonas merkt schon in den ersten Gesprächen auf dem Flur, dass es brennt – der Schichtleiter will klare Grenzen, die junge Kollegin aus der Buchhaltung hofft auf Flexibilität, und der ältere aus der Instandhaltung fragt sich, warum das überhaupt sein muss. Drei verschiedene Menschen, drei verschiedene Sorgen. Das Gremium kennt keine davon.
Im BR-Meeting schlägt Jonas vor, die Kolleg*innen diesmal vorher zu fragen.
Die Reaktion ist freundlich und eindeutig ablehnend. Zu aufwendig. Die Leute wollten Ergebnisse, keine Prozesse. Und was, wenn Erwartungen geweckt werden, die das Gremium am Ende nicht erfüllen kann?
Er schaut trotzdem in den PIDA-Generator. Gibt ein, was er hat. Der Vorschlag, der zurückkommt, ist kompakter als erwartet – umsetzbar im Rahmen einer Betriebsversammlung, ohne wochenlange Vorbereitung. Jonas schickt ihn kommentarlos ans Gremium und wartet.
Sie geben ihm einen Versuch. Mehr nicht. Aber das Gremium trägt es mit – und das ist das Einzige, was zählt.
Er bleibt am Rand stehen und hört zu. Petra, die seit vier Jahren im selben Büro sitzt wie er, redet über Dinge, die er noch nie gehört hat. Er weiß nicht, ob er überrascht oder beschämt sein soll.
Danach kleine Tische, jeder mit einem Aspekt. Erreichbarkeit nach Feierabend. Wer trägt die Kosten für den Drucker zuhause. Was passiert, wenn das Internet ausfällt. Die Gespräche werden sachlicher als Jonas erwartet hatte – weniger Wunschliste, mehr Problemanalyse. Am Ende arbeitet die Gruppe heraus, was wirklich in die Vereinbarung muss und was nicht. Fünf Punkte. Jonas hätte vorher nicht sagen können, welche fünf das sein würden.
In der Verhandlung mit dem Arbeitgeber könnten zwei Punkte nicht durchgesetzt werden.
Jonas informiert die Belegschaft – nicht mit einer formlosen Mitteilung, sondern Punkt für Punkt: was drin ist, warum, was nicht durchkam. Eine Kollegin schreibt zurück: „Die beiden Punkte, die fehlen, hätten wir eh nicht durchgesetzt. Aber die drei, die drin sind – das ist das, was wirklich zählt.“
Bernd sagt beim nächsten Mal nichts mehr.
Und nach der Sitzung kommt ein Kollege auf Jonas zu, einer, der die ganze Zeit still im Gremium gesessen hatte. „Beim Thema Gefährdungsbeurteilung,“ sagt er, „ich würde das gerne einbringen. Dass wir das auch so machen.“
Jonas nickt. Und denkt: Genau so soll das laufen.
Stark durch Partizipation.
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